
“Global Capitalism – Local Values”
“We have the triumph of the global over
the local, of the speculator over the manager and of the financier over the producer. We are witnessing
the transformation of mid-20th century managerial capitalism into global financial capitalism.”
Martin Wolf, Financial Times
Die Entwicklung der Weltwirtschaft wurde in den zurückliegenden
Jahren von zwei auf den ersten Blick gegenläufigen Tendenzen geprägt. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung
hat ausgehend von ihrem westlichen Entstehungskontext zu einer weltweiten Expansion angesetzt, die selbst
politische Systemschranken überwand. Das globale Geschäftsmodell stösst jedoch zunehmend auch an lokale
Grenzen. In jüngerer Zeit hat sich in unterschiedlichster Form und Intensität ein geschärftes Bewusstsein
für den Stellenwert des Lokalen herauszubilden und zu manifestieren begonnen.
Lokale
Verwurzelung – globaler Wettbewerb
Zwischen der globalen marktwirtschaftlichen
Wirtschaftsordnung und dem, was mit „local values“ als der gesamte Komplex örtlich begrenzt verbreiteter
Überzeugungen, Lebensweisen, Spielregeln und Identitäten aufgefasst werden kann, besteht grundsätzlich
ein enges und produktives Verhältnis. So lebt der globale Kapitalismus wesentlich von lokalen Impulsen
und Innovationen. Eine gewisse Distanz zwischen dem Lokalen und dem Globalen dürfte dabei strukturell
stets gegeben sein, und auch jede wirtschaftliche Tätigkeit scheint immer zwischen diesen natürlichen
Wirkungsräumen menschlichen Handelns zu oszillieren. Allerdings dürfte diese Distanz heute besonders
ausgeprägt sein und sich stetig weiter vergrössern. Die Polarisierung zwischen globalen Märkten und
global verfügbarem Wissen und Kapital auf der einen Seite und lokalen Interessen, Ressourcen sowie politisch-gesellschaftlichen
Strukturen auf der anderen Seite tritt zunehmend deutlicher hervor. Diese Entwicklung ist auf den ersten
Blick erstaunlich, hat doch gerade die sich global entwickelnde freie Wirtschaftsordnung zu einem Wohlstandsschub
in praktisch allen Regionen der Welt geführt. Es erweist sich heute jedoch als ein komplexes und äusserst
diffiziles Unterfangen, eine tragfähige Beziehung zwischen globaler Wirtschaft und lokalen Strukturen
herzustellen. Eine der grossen unternehmerischen, politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen
unserer Zeit besteht zunehmend darin, den Anforderungen des globalen Wettbewerbs in allen Bereichen
auf der Basis der jeweiligen lokalen Voraussetzungen gerecht zu werden. Wo globale Visionen auf lokale
Realitäten stossen, werden besondere Anstrengungen erforderlich sein, dieses Spannungsfeld produktiv
zu überbrücken.
Kapitalismus:
ein universales Modell?
Die Eigenschaft des Kapitalismus,
sich veränderten Umständen anzupassen und phasenweise zu erneuern, hat diesen bisher gegenüber allen
Anfechtungen der Zeit resistent gehalten. Von der grossen Systemdebatte des 20. Jahrhunderts vermochte
er sich mittlerweile vollständig zu lösen; ernst zu nehmende Gegenmodelle zum Kapitalismus heutiger
Ausprägung sind für die absehbare Zukunft keine auszumachen. Selbst staatswirtschaftlich organisierte
Nationen und kommunistisch regierte Staaten adaptieren – zumindest für den Moment – scheinbar widerspruchsfrei
und äusserst erfolgreich marktwirtschaftliche Mechanismen. Bei so viel Universalität stellt sich die
Frage nach dem Kerngehalt des Kapitalismus, und ob sich dieser zu verschieben beginnt. Häufig wird der
Standpunkt vertreten, Kapitalismus breite sich – analog der Demokratie – nur oberflächlich, allenfalls
bloss begrifflich aus, werde dabei inhaltlich aber ausgehöhlt. Ohne die Einbettung in den liberal-demokratischen
Kontext und das dazugehörige Werte- und Rechtssystem, so die Argumentation, sei Kapitalismus langfristig
nicht möglich. Denn war der Kapitalismus bisher nicht gerade deshalb ein attraktives und verbindliches
Konzept, weil es an lokale (im Anspruch allerdings stets universale) Werte wie individuelle Freiheit,
Selbstverantwortung und den Erfolg des Tüchtigen gekoppelt war?
Neue
Märkte – neue Systeme – neue Werte?
Die heutigen regionalen Ausprägungen
des Kapitalismus zeigen allerdings, dass auch unter anderen, das heisst lokal je verschiedenen politischen,
gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen kapitalistische Strukturen Fuss fassen können.
Der Kapitalismus, wie ihn Russland, China oder Vietnam zurzeit praktizieren, scheint auch ohne ein in
der liberalen Demokratie verankertes Wertesystem funktionstüchtig. Auf dem Boden einer divergierenden
historischen Erfahrung sowie einer unterschiedlichen Kultur und Religion kann der Kapitalismus (oder
dessen Spielarten) offenbar ebenfalls erfolgreich gedeihen. Eine der interessantesten in näherer Zukunft
zu klärenden Fragen wird deshalb sein, ob der Universalismus westlicher Werte tatsächlich keine notwendige
Voraussetzung einer globalen kapitalistischen Wirtschaftsordnung darstellt.
Machtfaktor
Schwellenländer
Erste schwerwiegende Folgen der globalen
Ausbreitung des Kapitalismus sind bereits heute deutlich zu erkennen. Die Einbindung aufstrebender Regionen
in den Welthandel und in die internationalen Finanzmärkte hat den Kreis der massgebenden und den Lauf
der Weltwirtschaft bestimmenden Volkswirtschaften bedeutsam erweitert. Die Forderung westlicher Staaten
an Produktionsländer insbesondere in Asien, ihre Wechselkurse der volkswirtschaftlichen Stärke anzupassen,
illustriert diese Entwicklung deutlich. Ebenso hat das (vorläufige) Scheitern der Doha-Runde gezeigt,
dass erstarkte Schwellenländer – Erfolgsbeispiele der Universalität kapitalistischer Strukturen – mit
noch nie gesehenem Selbstvertrauen ihre Ansprüche anmelden und Mitsprache in der Regelsetzung des Welthandels
und der Verteilung von Ressourcen fordern. Dies geschieht nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer in
diesen Ländern stark wachsenden Bevölkerung, die (neue) Konsumwünsche geltend macht, einen höheren Lebensstandard
einfordert und auch bereit ist, für diesen eine entsprechende Leistung zu erbringen. Die Weltwirtschaft
wird damit zunehmend von neuen Orten aus geprägt, während etablierte Zentren an Einfluss einbüssen.
Entstehung, Umwertung und Bedeutungsverlust von ökonomischen Brennpunkten sind der klarste Ausdruck
eines intensivierten globalen Standortwettbewerbs.
Wertschöpfung
Der gegenwärtige Wandel des Kapitalismus,
in welchem die Pole „global“ und „lokal“ neue – im gegenseitigen Verhältnis spannungsgeladene – Bedeutungen
erhalten, reicht in die einzigartige Periode weltwirtschaftlicher Prosperität der vergangenen Jahre
zurück. Dieser Wandel wird zu weiten Teilen von positiven Faktoren bestimmt, weniger von Einbrüchen
ins System. Zu den Treibern dieser Dynamik zählt zunächst die globale Erweiterung sämtlicher Aspekte
wirtschaftlicher Tätigkeit. Selbst im Umfeld kleinerer Unternehmen gibt es mittlerweile kaum mehr Bereiche
ohne globale Implikation. Globalisierung steht dabei primär für den Wechsel des Modus, in dem sich wirtschaftliche
Aktivitäten vollziehen. Die radikale Abkoppelung des Ortes, an dem Wertschöpfung stattfindet, von dem
Ort, an dem diese konsumiert wird, verstärkt die Kluft zwischen globalem wirtschaftlichen Handeln und
lokalen Strukturen. Diese Entkoppelung scheint noch keineswegs abgeschlossen zu sein. Die Ausdehnung
der Weltwirtschaft hat unter anderem dazu geführt, dass die Zahl der im Markt präsenten Player stark
gestiegen ist. Konkurrenz und verschärfter Wettbewerb sind die fruchtbaren Folgen davon. Die weltweite
Verfügbarkeit von Kapital und Wissen bringt aber auch den Zwang zur Innovation mit sich, bei gleichzeitig
drastisch verkürzten Produktezyklen. Die Herausforderung wird in Zukunft noch stärker als bisher darin
liegen, den Weg von den im Lokalen entstehenden Innovationen zur globalen Wertschöpfung effizient und
erfolgreich zu gestalten. In diesem Wettbewerb wird sich zeigen, welche Unternehmen und Institutionen,
aber auch welche Regionen und Bildungssysteme auf dem Gebiet der technologischen Entwicklung in Zukunft
leadership beanspruchen können.
Globale
Finanzmärkte als gestaltende Kraft
Als die mit Abstand am stärksten
globalisierten Märkte gelten heute die Finanz- und Kapitalmärkte. Sie sind die eigentlichen Treiber
der sich globalisierenden Wirtschaft. Allerdings hat sich insbesondere unter dem Eindruck der globalen
Kreditkrise eine vielschichtige, latent bereits seit langem vorhandene Unsicherheit über die langfristige
Ausrichtung und Rolle der Finanzmärkte und ihrer Akteure breit gemacht. Diese betrifft neben der Frage
nach der grundsätzlichen Robustheit bzw. Anfälligkeit der Finanzmärkte vor allem auch die steigende
Komplexität der Finanzinstrumente und -produkte, die Ausweitung der Finanzierungsmöglichkeiten und die
wachsende Aktivität neuer Investoren. Innovative Verfahren, Risiken zu strukturieren und weiterzureichen
führten zur Situation, dass selbst lokal begrenzte Ereignisse einen direkten Einfluss auf die Befindlichkeit
der globalen Wirtschaft nehmen konnten. Die Krise auf dem amerikanischen Immobilienmarkt für minderwertige
Hypotheken ist beredtes Beispiel dafür. Hohe Liquidität an den Finanzmärkten in den vergangenen Jahren
sowie eine grosse Bereitschaft zur Schuldenfinanzierung haben zudem dazu geführt, dass selbst noch so
erfolgreich geführte Unternehmen zu potentiellen Objekten von Übernahme und Umgestaltung werden konnten
– wobei die Intention der beteiligten Akteure oftmals verborgen blieb. Langfristig erfolgreiche Unternehmensführung
scheint kein Wert an sich mehr zu sein, das herkömmliche Leistungsverständnis wird radikal umgedeutet.
Gerade im Lichte der gegenwärtigen Finanzkrise stellt sich deshalb die Frage, welche Auswirkungen der
Konflikt zwischen den Interessen der dynamischen Finanzmärkte mit ihrer globalen Beweglichkeit und ihrer
globalen Wirkungsmacht auf der einen Seite und den strukturell statischen Wirtschaftsstandorten mit
ihren lokalen Produktionsstätten, Industrien und Regulierungen auf der anderen Seite in Zukunft zeitigen
wird.
Unbehagen
und Kritik am Kapitalismus
Ein Gefühl von Unsicherheit und die
kritische Frage nach der Fairness der wirtschaftlichen Entwicklung und der Verteilung der Einkommen
greifen in jüngerer Zeit verstärkt um sich. Dass sich, beispielsweise, einst nationale Assets – darunter
Unternehmen mit hohem Identifikationspotential in der Bevölkerung – plötzlich in ausländischen Händen
befinden oder ihre Produktpalette radikal umbauen, wird vielerorts nicht als Chance, sondern als Bedrohung
empfunden. Liberalisierungen an breiter Front sowie der Einzug des Wettbewerbprinzips in vermeintlich
geschützte Bereiche wie Bildung, Gesundheitswesen und Staatsdienst stossen nicht nur bei den unmittelbaren
Verlierern auf Unbehagen, sondern zunehmend auch bei einer breiten und tendenziell (sozial)konservativ
ausgerichteten Bevölkerungsschicht. Traditionelle Bilder vom Wert der Arbeit gegenüber der Bedeutung
des Kapitals geraten ins Wanken. Rasches und entschiedenes Handeln wird als Konsequenz von der Politik
gefordert. Doch es bestehen Zweifel, ob die Politik überhaupt in der Lage ist, geeignete Antworten zu
geben. Zwar operieren selbst global ausgerichtete Unternehmen noch zu weiten Teilen im Regulationsraum
des Nationalstaates und suchen bei Bedarf die schützende Nähe und Intervention des Staates. Gleichwohl
driften die Interessen der Politik, die auf Legitimation und kleinräumigen Konsens baut, und diejenigen
der globalen Wirtschaft, die sich auf die ökonomische Performance zu konzentrieren hat, tendenziell
immer stärker auseinander.
Individuelles
Handeln in der globalen Wirtschaft
Die Entfremdung zwischen Politik,
Öffentlichkeit und Wirtschaft schürt in breiten Bevölkerungskreisen Bedenken gegenüber den gegenwärtigen
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Eine der grossen Herausforderungen von offenen
Gesellschaften wird aus diesem Grund darin liegen, dem Individuum im Rahmen des kapitalistischen Wirtschaftssystems
die Aussicht auf ein sinnstiftendes und nach eigenen Grundsätzen gestaltbares Leben zu ermöglichen.
Wo die Reichweite individuellen Handelns in einer globalen Wirtschaft liegt, und ob der Anspruch auf
persönliche Entscheidungsfreiheit und offene Handlungsoptionen nicht eine Illusion ist, sind Fragen,
die den Kapitalismus liberalwestlicher Prägung im Kern betreffen. Für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft
sind sie daher gleichermassen zentral. Ihre Beantwortung wird nicht zuletzt darüber entscheiden, ob
ein zukünftiger Kapitalismusbegriff – anders als der gegenwärtige – positiv konnotiert sein wird.
38. St. Gallen
Symposium
Das 38. St. Gallen Symposium stellt
mit dem Thema „Global Capitalism – Local Values“ das angespannte Verhältnis zwischen lokalen ökonomischen,
politischen und gesellschaftlichen Strukturen einerseits und der globalen kapitalistischen Wirtschaftsordnung
andererseits ins Zentrum der Diskussion. In welchem Masse determinieren heute die globalen Finanzmärkte
die Unternehmensführung? Welche Chancen schaffen ihre Akteure für die Entwicklung einzelner Unternehmen
wie ganzer Volkswirtschaften? Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Bedeutung derselben für das Verhältnis
zwischen Eigentümern und Unternehmensleitung? Gibt es „gute“ und „schlechte“ Investoren? Nach welchen
Kriterien würden diese unterschieden? Wie ist unter diesem Blickwinkel das Engagement von Staatsfonds
zu bewerten, die in die Krise geratenen Finanzinstituten unter die Arme greifen? Was heisst es für das
langfristige Unternehmertum, wenn Firmen unter den Folgen von Verwerfungen an den Finanzmärkten leiden,
für deren Ursachen sie selbst keine Verantwortung tragen und die in keinem direkten Zusammenhang mit
ihren Produkten und Dienstleistungen stehen? Was bedeutet es heute, als lokal verwurzeltes Unternehmen
dem globalen Wettbewerb ausgesetzt zu sein und in diesem bestehen zu können? Welcher Stellenwert kommt
lokalen Wirtschaftsstandorten angesichts der wachsenden Abhängigkeiten und Interaktionen im Rahmen wirtschaftlicher
Tätigkeiten heute zu? Welche Rolle spielen „nationale Interessen“ mit Blick auf Unternehmenskooperationen
und
-zusammenschlüsse? Und wer definiert diese Interessen? Gibt es Werthaltungen, die
im globalen wirtschaftlichen Wettbewerb als Assets betrachtet werden können oder besteht zwischen Kapitalismus
und Werten in der Tat – wie oft mehr oder weniger deutlich zum Ausdruck gebracht wird – ein Widerspruch?
Welche Verantwortung tragen Unternehmer und Unternehmen als globale Akteure? Das 38. St. Gallen Symposium
wird sein internationales Teilnehmer- und Referentenfeld mit diesen Herausforderungen und Problemstellungen
konfrontieren und in der Tradition einer konstruktiven und praxisnahen Auseinandersetzung Verantwortungsträgern
der obersten Führungsebene die Gelegenheit geben, ihre unternehmerischen Anliegen und Erfahrungen im
Kontext dieser unsere Zeit prägenden Fragen zu diskutieren.
