Das 38. St. Gallen Symposium
Universität St. Gallen
Schweiz
15.–17. Mai 2008

Global Capitalism – Local Values

Thema des 38. St. Gallen Symposiums


“Global Capitalism – Local Values”


“We have the triumph of the global over the local, of the speculator over the manager and of the financier over the producer. We are witnessing the transformation of mid-20th century managerial capitalism into global financial capitalism.”

Martin Wolf, Financial Times


Die Entwicklung der Weltwirtschaft wurde in den zurückliegenden Jahren von zwei auf den ersten Blick gegenläufigen Tendenzen geprägt. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung hat ausgehend von ihrem westlichen Entstehungskontext zu einer weltweiten Expansion angesetzt, die selbst politische Systemschranken überwand. Das globale Geschäftsmodell stösst jedoch zunehmend auch an lokale Grenzen. In jüngerer Zeit hat sich in unterschiedlichster Form und Intensität ein geschärftes Bewusstsein für den Stellenwert des Lokalen herauszubilden und zu manifestieren begonnen.


Lokale Verwurzelung – globaler Wettbewerb


Zwischen der globalen marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung und dem, was mit „local values“ als der gesamte Komplex örtlich begrenzt verbreiteter Überzeugungen, Lebensweisen, Spielregeln und Identitäten aufgefasst werden kann, besteht grundsätzlich ein enges und produktives Verhältnis. So lebt der globale Kapitalismus wesentlich von lokalen Impulsen und Innovationen. Eine gewisse Distanz zwischen dem Lokalen und dem Globalen dürfte dabei strukturell stets gegeben sein, und auch jede wirtschaftliche Tätigkeit scheint immer zwischen diesen natürlichen Wirkungsräumen menschlichen Handelns zu oszillieren. Allerdings dürfte diese Distanz heute besonders ausgeprägt sein und sich stetig weiter vergrössern. Die Polarisierung zwischen globalen Märkten und global verfügbarem Wissen und Kapital auf der einen Seite und lokalen Interessen, Ressourcen sowie politisch-gesellschaftlichen Strukturen auf der anderen Seite tritt zunehmend deutlicher hervor. Diese Entwicklung ist auf den ersten Blick erstaunlich, hat doch gerade die sich global entwickelnde freie Wirtschaftsordnung zu einem Wohlstandsschub in praktisch allen Regionen der Welt geführt. Es erweist sich heute jedoch als ein komplexes und äusserst diffiziles Unterfangen, eine tragfähige Beziehung zwischen globaler Wirtschaft und lokalen Strukturen herzustellen. Eine der grossen unternehmerischen, politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit besteht zunehmend darin, den Anforderungen des globalen Wettbewerbs in allen Bereichen auf der Basis der jeweiligen lokalen Voraussetzungen gerecht zu werden. Wo globale Visionen auf lokale Realitäten stossen, werden besondere Anstrengungen erforderlich sein, dieses Spannungsfeld produktiv zu überbrücken.


Kapitalismus: ein universales Modell?


Die Eigenschaft des Kapitalismus, sich veränderten Umständen anzupassen und phasenweise zu erneuern, hat diesen bisher gegenüber allen Anfechtungen der Zeit resistent gehalten. Von der grossen Systemdebatte des 20. Jahrhunderts vermochte er sich mittlerweile vollständig zu lösen; ernst zu nehmende Gegenmodelle zum Kapitalismus heutiger Ausprägung sind für die absehbare Zukunft keine auszumachen. Selbst staatswirtschaftlich organisierte Nationen und kommunistisch regierte Staaten adaptieren – zumindest für den Moment – scheinbar widerspruchsfrei und äusserst erfolgreich marktwirtschaftliche Mechanismen. Bei so viel Universalität stellt sich die Frage nach dem Kerngehalt des Kapitalismus, und ob sich dieser zu verschieben beginnt. Häufig wird der Standpunkt vertreten, Kapitalismus breite sich – analog der Demokratie – nur oberflächlich, allenfalls bloss begrifflich aus, werde dabei inhaltlich aber ausgehöhlt. Ohne die Einbettung in den liberal-demokratischen Kontext und das dazugehörige Werte- und Rechtssystem, so die Argumentation, sei Kapitalismus langfristig nicht  möglich. Denn war der Kapitalismus bisher nicht gerade deshalb ein attraktives und verbindliches Konzept, weil es an lokale (im Anspruch allerdings stets universale) Werte wie individuelle Freiheit, Selbstverantwortung und den Erfolg des Tüchtigen gekoppelt war?


Neue Märkte – neue Systeme – neue Werte?


Die heutigen regionalen Ausprägungen des Kapitalismus zeigen allerdings, dass auch unter anderen, das heisst lokal je verschiedenen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen kapitalistische Strukturen Fuss fassen können. Der Kapitalismus, wie ihn Russland, China oder Vietnam zurzeit praktizieren, scheint auch ohne ein in der liberalen Demokratie verankertes Wertesystem funktionstüchtig. Auf dem Boden einer divergierenden historischen Erfahrung sowie einer unterschiedlichen Kultur und Religion kann der Kapitalismus (oder dessen Spielarten) offenbar ebenfalls erfolgreich gedeihen. Eine der interessantesten in näherer Zukunft zu klärenden Fragen wird deshalb sein, ob der Universalismus westlicher Werte tatsächlich keine notwendige Voraussetzung einer globalen kapitalistischen Wirtschaftsordnung darstellt.


Machtfaktor Schwellenländer


Erste schwerwiegende Folgen der globalen Ausbreitung des Kapitalismus sind bereits heute deutlich zu erkennen. Die Einbindung aufstrebender Regionen in den Welthandel und in die internationalen Finanzmärkte hat den Kreis der massgebenden und den Lauf der Weltwirtschaft bestimmenden Volkswirtschaften bedeutsam erweitert. Die Forderung westlicher Staaten an Produktionsländer insbesondere in Asien, ihre Wechselkurse der volkswirtschaftlichen Stärke anzupassen, illustriert diese Entwicklung deutlich. Ebenso hat das (vorläufige) Scheitern der Doha-Runde gezeigt, dass erstarkte Schwellenländer – Erfolgsbeispiele der Universalität kapitalistischer Strukturen – mit noch nie gesehenem Selbstvertrauen ihre Ansprüche anmelden und Mitsprache in der Regelsetzung des Welthandels und der Verteilung von Ressourcen fordern. Dies geschieht nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer in diesen Ländern stark wachsenden Bevölkerung, die (neue) Konsumwünsche geltend macht, einen höheren Lebensstandard einfordert und auch bereit ist, für diesen eine entsprechende Leistung zu erbringen. Die Weltwirtschaft wird damit zunehmend von neuen Orten aus geprägt, während etablierte Zentren an Einfluss einbüssen. Entstehung, Umwertung und Bedeutungsverlust von ökonomischen Brennpunkten sind der klarste Ausdruck eines intensivierten globalen Standortwettbewerbs.


Wertschöpfung


Der gegenwärtige Wandel des Kapitalismus, in welchem die Pole „global“ und „lokal“ neue – im gegenseitigen Verhältnis spannungsgeladene – Bedeutungen erhalten, reicht in die einzigartige Periode weltwirtschaftlicher Prosperität der vergangenen Jahre zurück. Dieser Wandel wird zu weiten Teilen von positiven Faktoren bestimmt, weniger von Einbrüchen ins System. Zu den Treibern dieser Dynamik zählt zunächst die globale Erweiterung sämtlicher Aspekte wirtschaftlicher Tätigkeit. Selbst im Umfeld kleinerer Unternehmen gibt es mittlerweile kaum mehr Bereiche ohne globale Implikation. Globalisierung steht dabei primär für den Wechsel des Modus, in dem sich wirtschaftliche Aktivitäten vollziehen. Die radikale Abkoppelung des Ortes, an dem Wertschöpfung stattfindet, von dem Ort, an dem diese konsumiert wird, verstärkt die Kluft zwischen globalem wirtschaftlichen Handeln und lokalen Strukturen. Diese Entkoppelung scheint noch keineswegs abgeschlossen zu sein. Die Ausdehnung der Weltwirtschaft hat unter anderem dazu geführt, dass die Zahl der im Markt präsenten Player stark gestiegen ist. Konkurrenz und verschärfter Wettbewerb sind die fruchtbaren Folgen davon. Die weltweite Verfügbarkeit von Kapital und Wissen bringt aber auch den Zwang zur Innovation mit sich, bei gleichzeitig drastisch verkürzten Produktezyklen. Die Herausforderung wird in Zukunft noch stärker als bisher darin liegen, den Weg von den im Lokalen entstehenden Innovationen zur globalen Wertschöpfung effizient und erfolgreich zu gestalten. In diesem Wettbewerb wird sich zeigen, welche Unternehmen und Institutionen, aber auch welche Regionen und Bildungssysteme auf dem Gebiet der technologischen Entwicklung in Zukunft leadership beanspruchen können.


Globale Finanzmärkte als gestaltende Kraft


Als die mit Abstand am stärksten globalisierten Märkte gelten heute die Finanz- und Kapitalmärkte. Sie sind die eigentlichen Treiber der sich globalisierenden Wirtschaft. Allerdings hat sich insbesondere unter dem Eindruck der globalen Kreditkrise eine vielschichtige, latent bereits seit langem vorhandene Unsicherheit über die langfristige Ausrichtung und Rolle der Finanzmärkte und ihrer Akteure breit gemacht. Diese betrifft neben der Frage nach der grundsätzlichen Robustheit bzw. Anfälligkeit der Finanzmärkte vor allem auch die steigende Komplexität der Finanzinstrumente und -produkte, die Ausweitung der Finanzierungsmöglichkeiten und die wachsende Aktivität neuer Investoren. Innovative Verfahren, Risiken zu strukturieren und weiterzureichen führten zur Situation, dass selbst lokal begrenzte Ereignisse einen direkten Einfluss auf die Befindlichkeit der globalen Wirtschaft nehmen konnten. Die Krise auf dem amerikanischen Immobilienmarkt für minderwertige Hypotheken ist beredtes Beispiel dafür. Hohe Liquidität an den Finanzmärkten in den vergangenen Jahren sowie eine grosse Bereitschaft zur Schuldenfinanzierung haben zudem dazu geführt, dass selbst noch so erfolgreich geführte Unternehmen zu potentiellen Objekten von Übernahme und Umgestaltung werden konnten – wobei die Intention der beteiligten Akteure oftmals verborgen blieb. Langfristig erfolgreiche Unternehmensführung scheint kein Wert an sich mehr zu sein, das herkömmliche Leistungsverständnis wird radikal umgedeutet. Gerade im Lichte der gegenwärtigen Finanzkrise stellt sich deshalb die Frage, welche Auswirkungen der Konflikt zwischen den Interessen der dynamischen Finanzmärkte mit ihrer globalen Beweglichkeit und ihrer globalen Wirkungsmacht auf der einen Seite und den strukturell statischen Wirtschaftsstandorten mit ihren lokalen Produktionsstätten, Industrien und Regulierungen auf der anderen Seite in Zukunft zeitigen wird.


Unbehagen und Kritik am Kapitalismus


Ein Gefühl von Unsicherheit und die kritische Frage nach der Fairness der wirtschaftlichen Entwicklung und der Verteilung der Einkommen greifen in jüngerer Zeit verstärkt um sich. Dass sich, beispielsweise, einst nationale Assets – darunter Unternehmen mit hohem Identifikationspotential in der Bevölkerung – plötzlich in ausländischen Händen befinden oder ihre Produktpalette radikal umbauen, wird vielerorts nicht als Chance, sondern als Bedrohung empfunden. Liberalisierungen an breiter Front sowie der Einzug des Wettbewerbprinzips in vermeintlich geschützte Bereiche wie Bildung, Gesundheitswesen und Staatsdienst stossen nicht nur bei den unmittelbaren Verlierern auf Unbehagen, sondern zunehmend auch bei einer breiten und tendenziell (sozial)konservativ ausgerichteten Bevölkerungsschicht. Traditionelle Bilder vom Wert der Arbeit gegenüber der Bedeutung des Kapitals geraten ins Wanken. Rasches und entschiedenes Handeln wird als Konsequenz von der Politik gefordert. Doch es bestehen Zweifel, ob die Politik überhaupt in der Lage ist, geeignete Antworten zu geben. Zwar operieren selbst global ausgerichtete Unternehmen noch zu weiten Teilen im Regulationsraum des Nationalstaates und suchen bei Bedarf die schützende Nähe und Intervention des Staates. Gleichwohl driften die Interessen der Politik, die auf Legitimation und kleinräumigen Konsens baut, und diejenigen der globalen Wirtschaft, die sich auf die ökonomische Performance zu konzentrieren hat, tendenziell immer stärker auseinander.


Individuelles Handeln in der globalen Wirtschaft


Die Entfremdung zwischen Politik, Öffentlichkeit und Wirtschaft schürt in breiten Bevölkerungskreisen Bedenken gegenüber den gegenwärtigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Eine der grossen Herausforderungen von offenen Gesellschaften wird aus diesem Grund darin liegen, dem Individuum im Rahmen des kapitalistischen Wirtschaftssystems die Aussicht auf ein sinnstiftendes und nach eigenen Grundsätzen gestaltbares Leben zu ermöglichen. Wo die Reichweite individuellen Handelns in einer globalen Wirtschaft liegt, und ob der Anspruch auf persönliche Entscheidungsfreiheit und offene Handlungsoptionen nicht eine Illusion ist, sind Fragen, die den Kapitalismus liberalwestlicher Prägung im Kern betreffen. Für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sind sie daher gleichermassen zentral. Ihre Beantwortung wird nicht zuletzt darüber entscheiden, ob ein zukünftiger Kapitalismusbegriff – anders als der gegenwärtige – positiv konnotiert sein wird.


38. St. Gallen Symposium


Das 38. St. Gallen Symposium stellt mit dem Thema „Global Capitalism – Local Values“ das angespannte Verhältnis zwischen lokalen ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Strukturen einerseits und der globalen kapitalistischen Wirtschaftsordnung andererseits ins Zentrum der Diskussion. In welchem Masse determinieren heute die globalen Finanzmärkte die Unternehmensführung? Welche Chancen schaffen ihre Akteure für die Entwicklung einzelner Unternehmen wie ganzer Volkswirtschaften? Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Bedeutung derselben für das Verhältnis zwischen Eigentümern und Unternehmensleitung? Gibt es „gute“ und „schlechte“ Investoren? Nach welchen Kriterien würden diese unterschieden? Wie ist unter diesem Blickwinkel das Engagement von Staatsfonds zu bewerten, die in die Krise geratenen Finanzinstituten unter die Arme greifen? Was heisst es für das langfristige Unternehmertum, wenn Firmen unter den Folgen von Verwerfungen an den Finanzmärkten leiden, für deren Ursachen sie selbst keine Verantwortung tragen und die in keinem direkten Zusammenhang mit ihren Produkten und Dienstleistungen stehen? Was bedeutet es heute, als lokal verwurzeltes Unternehmen dem globalen Wettbewerb ausgesetzt zu sein und in diesem bestehen zu können? Welcher Stellenwert kommt lokalen Wirtschaftsstandorten angesichts der wachsenden Abhängigkeiten und Interaktionen im Rahmen wirtschaftlicher Tätigkeiten heute zu? Welche Rolle spielen „nationale Interessen“ mit Blick auf Unternehmenskooperationen und
-zusammenschlüsse? Und wer definiert diese Interessen? Gibt es Werthaltungen, die im globalen wirtschaftlichen Wettbewerb als Assets betrachtet werden können oder besteht zwischen Kapitalismus und Werten in der Tat – wie oft mehr oder weniger deutlich zum Ausdruck gebracht wird – ein Widerspruch? Welche Verantwortung tragen Unternehmer und Unternehmen als globale Akteure? Das 38. St. Gallen Symposium wird sein internationales Teilnehmer- und Referentenfeld mit diesen Herausforderungen und Problemstellungen konfrontieren und in der Tradition einer konstruktiven und praxisnahen Auseinandersetzung Verantwortungsträgern der obersten Führungsebene die Gelegenheit geben, ihre unternehmerischen Anliegen und Erfahrungen im Kontext dieser unsere Zeit prägenden Fragen zu diskutieren.

Symposium 2008

Das ISC bedankt sich bei den Teilnehmenden des 38. St. Gallen Symposiums von ganzem Herzen und ist für die wohlwollende Unterstützung seiner Partner sehr dankbar.


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Notes

»Wechsel im Management der St. Galler Stiftung für Internationale Studien